Ali, Syrien

Die Bilder und Erinnerungen vom Bürgerkrieg sind nicht vergessen

Ali lernte ich auf dem Wochenmarkt im vergangenen Jahr kennen. Zusammen mit einigen jungen Frauen bediente er am Tee- und Kaffeestand, den die Grünen eingerichtet hatten, um Kontaktmöglichkeiten zwischen Geflüchteten und Hochheims Einwohnern zu schaffen.

Der sympathische junge Mann erzählte mir auf meine entsprechende Frage, dass er aus Deir ez-Zor in Syrien stamme. Und mir kamen sofort die Bilder meiner Syrienreise im Jahr 1999 in den Kopf, als ich in genau dieser Stadt auf der historischen Hängebrücke den Euphrat überquert hatte und mir bewusst wurde, dass ich jetzt das biblische Mesopotamien betrat. 1999 eine Großstadt mit fast 300.000 Einwohnern, wirtschaftlich aufstrebend. Seit 2011 im Bürgerkrieg, umkämpft von Regierungstruppen und IS.

Einige Wochen nach unserer ersten Begegnung traf ich Ali wieder, diesmal im Café Vielfalt im Katholischen Vereinshaus. Zusammen mit einigen Freunden saß er am Tisch – sie zeigten sich gegenseitig Fotos auf dem Smartphone und unterhielten sich. Und dann ergab sich die Gelegenheit zu einem Gespräch.

Gemeinsam mit seiner Mutter – der Vater ist gestorben –, zwei Brüdern und seiner Schwester ist Ali im Oktober 2015 in Deutschland angekommen. Zuerst war die Familie in Mainhausen untergebracht, doch dann wurde sie der Gemeinschaftsunterkunft in Massenheim zugeteilt. Noch bis vor vier Wochen lebten sie im „Camp“, wie die Geflüchteten gern das ehemalige TetraPak-Gebäude nennen. Glücklicherweise haben sie vor vier Wochen eine Wohnung mitten in Hochheim beziehen können. Alis Augen leuchten, als er erzählt, wie wohl sie sich in den eigenen Räumen fühlen.

Seine Brüder, der eine ist Ingenieur, der andere Mathematiklehrer, haben eventuell Arbeit in Aussicht, doch er selbst ist total unsicher, wie es mit seiner Zukunft weitergeht. In Deir ez-Zor besuchte er das Gymnasium und war zuversichtlich, später einmal Medizin zu studieren und als Arzt arbeiten zu können.

Doch dann wurde der Krieg immer heftiger: Assad-Truppen auf der einen Seite, die Freie Syrische Armee auf der anderen. Der IS konnte einige Teile der Stadt erobern, sodass für Ali und seine Freunde kein geregelter Schulbesuch mehr möglich war.

Wer zwischen die Fronten geriet, der musste mit dem Schlimmsten rechnen. Handy-Fotos beweisen, nicht nur er selbst ist mehrfach verprügelt und misshandelt worden, ein Freund wurde erschossen. Sein Bild trägt er immer mit sich.

Wie geht man mit diesen Grausamkeiten um? Auf diese Frage bekomme ich keine Antwort ...

In Deir ez-Zor herrschten nur noch Gewalt und Terror, sie ließen Alis Familie keine andere Wahl als zu flüchten. Mit einem Kleinbus ging es aus der ostsyrischen Provinz zur türkischen Grenze. Er erzählt, dass türkische Soldaten sie geschlagen hätten. Nach der Fahrt quer durch die Türkei setzten sie in einem Boot – zwei Stunden dauerte die Fahrt – nach der griechischen Insel Kos über. Auf der Balkanroute erreichten sie 2015 im Herbst Deutschland.
Kein Kontakt zu Gleichaltrigen


Gern würde der junge Mann zur Schule gehen, sein Abitur nachholen, doch mit 19 Jahren ist man nicht mehr schulpflichtig und für einen geregelten Schulbesuch in seiner Altersstufe sind seine Deutschkenntnisse noch zu schwach. Flüchtlingskoordinatorin Carolin Jungmann und einige Ehrenamtliche bemühen sich sehr darum, dass Ali die Möglichkeit bekommt, zumindest das Fachabitur zu machen, denn da sind die Altersgrenzen nicht so strikt, damit der lernwillige und wissbegierige junge Mann anschließend eine Ausbildung absolvieren oder sogar ein Studium aufnehmen kann.


Ali bedauert, dass er keinen Umgang mit gleichaltrigen Jugendlichen in Hochheim hat. Erst war es schwierig wegen der fehlenden Sprachkenntnisse, jetzt weiß er nicht, wie er es anstellen soll, Kontakt zu bekommen. Dabei spricht er sowohl Englisch als auch Türkisch. In Deir ez-Zor hat er gern und gut Fußball gespielt, doch das Spielen und die Unbeschwertheit sind ihm im Krieg und auf der Flucht abhandengekommen.


Es bedrückt ihn auch, dass seine Mutter, seine kleine Schwester Asma und er nur eine Aufenthaltsbewilligung für ein Jahr bekommen haben, während seine Brüder die Bewilligung für drei Jahre haben.


Über das Smartphone erfährt er immer alle Neuigkeiten aus seiner Heimat. Es ist nicht leicht für ihn, von Gewalt, Kämpfen und Hungersnot in Deir ez-Zor zu erfahren, und selbst in Sicherheit zu sein.

 

Artikel und Foto von Annette Zwaack - Hochheimer Zeitung

Tags: Flüchtling

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