Abdalahad, Afghanistan

Abdalahad ist von Beruf Goldschmied und besaß einen eigenen Laden in der Nähe von Kabul mit handgefertigten Schmuck, den er selbst fertigte.

Er zeigt uns beim Interview Fotos von seinem alten Schaufenster, in dem man Gold- und Silberschmuck mit schönen Steinen und Kristallen verziert sieht. Auf einem Foto steht Abdalahad stolz neben seinem Vater hinter der Ladentheke.

Die Taliban setzten ihn sehr unter Druck und zwangen ihn, viel Schutzgeld zu zahlen. Als er es nicht mehr zahlen konnte, zerstörten sie seinen Laden und raubten den gesamten Schmuck. Abdalahad war sehr traurig. Nach einiger Zeit eröffnete er mit Unterstützung seiner Familie zusammen mit seinem Vater einen kleinen Laden, in dem er Wohnassessoirs verkaufte. Sein Vater war früher mal Autohändler. Er war oft in Deutschland als Autoexporteur. 1983 allerdings das letzte Mal. Danach bekam er aufgrund der Taliban-Herrschaft kein Visum mehr. Oft erzählte er seinem Sohn von dem schönen friedlichen Land.

Leider mussten die beiden auch im neuen Laden viel Schutzgeld an die Taliban bezahlen. Abdalahad weigerte sich weitere Zahlungen zu leisten, was dazu führte, dass die Taliban zornig wurden und ihn bedrohten – Wenn sie ihn noch einmal sähen, würden sie ihn töten, sagten sie.

Abdalahad lebte daraufhin ein Jahr versteckt in seinem Elternhaus. Er konnte das Haus nicht mehr verlassen. Er verstand nicht, warum diese Menschen ihm das antun. Afghanistan war mal ein sehr schönes Land. Er und seine Familie hatten alles, was man sich wünschen konnte. Genug Geld, Hoffnung... jetzt war alles weg.

Der Vater konnte nicht mit ansehen, wie sein Sohn immer mehr unter dem Druck und den Bedrohungen lebte. Die Familie entschied, alles Geld was sie noch übrige hatten ihrem Sohn zu geben, damit dieser in Deutschland ein neues Leben aufbauen konnte. Abdalahads Vater verkaufte viele Wohnassessoirs und Antiquitäten von seinem Laden um ihm seine Flucht zu ermöglichen. Rund 10.000 US-Dollar musste er bezahlen.

Bestärkt durch seine Familie wurde Abdalahad zuversichtlich. Mit dem Gedanken, dass er seine Goldschmiedekünste nach Deutschland bringen möchte, reiste er Ende 2015 los. Er will sein Wissen weitergeben und als Goldschmied dort arbeiten.

Er reiste weite Teile zu Fuß durch den Iran. Unterhalb einer Bus-Karosserie hing er versteckt eine lange Strecke zwischen den Reifen neben dem Tank knapp über dem Boden. Er hielt sich fest und war mit einem Seil einigermaßen befestigt worden. Staub und Dreck flogen ihm entgegen über holprige Straßen bis er schließlich die Türkei erreichte. Er hatte große Angst, sah es aber als seinen einzigen Weg über diese Schlepper nach Deutschland zu kommen.

An der türkischen Grenze wurde er zu einer Sammelstelle für Flüchtlinge gebracht. Hunderten von Menschen begegnete er dort. Sie wurden in die Nähe von Istanbul transportiert. Von dort aus lief Abdalahad tagelang zusammen mit einer Gruppe, die von Schleppern angeführt wurde zu Fuß durch die Berge. Da er nicht wusste, was auf ihn zu kam, hatte er nur wenig Wasser und Brot dabei, was schnell zu neige ging. Tagelang lief er durstig und hungrig weiter. Wenn sie unterwegs an eine Wasserstelle kamen, stürzten sich alle wie Tiere darauf. So durstig waren sie. Unter den Reisenden waren auch Familien mit Kindern. Diese hatte an mehr Lebensmittel gedacht und gaben Abdalahad und einigen anderen gelegentlich ein klein bisschen was zu essen. Schließlich erreichten sie einen Vorort von Istanbul. Dort schloss ein Schlepper ihn tagelang in einem kleinen Raum ein. Irgendwann ließ man Abdalahad raus und steckte ihn zusammen mit ca. 30 Personen in einen LKW-Container. Draußen war es sehr kalt und in diesem Anhänger dunkel, stickig und es stank sehr stark. Es waren viele Kinder dabei. Einige hatten Kekse oder Bonbons, die sie unterwegs essen konnten.

Abdalahad hatte große Angst. Würde er überhaupt ankommen? Kann er auf dieser Reise überleben? Die Mitreisenden waren wie er sehr gestresst und völlig erschöpft. Nach fünf Tagen hielt der LKW an. Ein Schlepper gab ihnen ein Schlauchboot mit Motor: „Ihr müsst mit dem Boot immer geradeaus fahren. Entweder ihr kommt dann an oder halt nicht“, rief er, zeigte ihnen die Richtung, in die sie fahren sollten und verschwand.

Nachdem sie das Boot aufgeblasen hatten, fuhren die erschöpften durstigen und hungrigen Flüchtlinge zusammen los. Stunden vergangen und die Wellen wurden immer stärker, wodurch mehr und mehr Wasser in das Boot schwappte, was sie versuchten mit den Händen heraus zu schöpfen. Schließlich ging der Motor vom Boot kaputt. Kam dann eine große Welle, schob sie das Boot viele Meter weit zurück. Mit den Händen paddeln war mühselig. Einige Frauen verloren das Bewusstsein. Abdalahad erzählt, dass viele weinten und beteten. Einige Personen machten sich Vorwürfe und fragten sich, warum man sie so dem Tod aussetzen würde und warum gerade ihnen das passiere. Nach rund fünf Stunden grauenvoller Fahrt sahen sie endlich ein griechisches Hilfsschiff. Das Schiff stellt sich so hin, dass sie von den starken Wellen geschützt wurden und zog sie Richtung Küste. Eine weitere Stunde lang schöpften Abdalahad und die anderen mit den Händen dabei Wasser aus dem mittlerweile zur Hälfte von Wasser bedeckten Schlauchboot bis sie endlich die Küste erreichten.

Dort angekommen wurden sie von griechischen Helfern empfangen, die sie mit Trinkwasser, Essen und frischer trockener Kleidung versorgten. Ein wenig erholt reiste er dann kurze Zeit später für 100 Euro mit einem Schiff nach Österreich. Abdalahad kann nicht sagen, ob es auf dem Schiff nur Flüchtlinge gab oder auch Normal-Reisende. In Österreich angekommen traf er auf Polizisten. Mit Hilfe eines Dolmetschers wurde er gefragt, ob er dort bleiben möchte oder weiterreisen wolle. Man gab Abdalahad etwas zu essen und brachte ihn in ein Flüchtlingscamp aus Zelten. Dort schlief er dann eine Nacht. Danach wurden er und andere Geflüchtete von zwei Bussen abgeholt. Er stieg in einem Bus und landete schließlich in Essen. Dort wurde Abdalahad gebeten, seine Fingerabdrücke abzugeben und man befragte ihn zu seiner Flucht. Anschließend brachte man ihn zur Registrierung nach Gießen. Nach drei Wochen waren seine Papiere dort fertig und er wurde mit einem Bus nach Michelstadt gebracht, wo er weiterer fünf Monate in einem Flüchtlingscamp untergebracht wurde. Dieses wurde dann aufgelöst und seine Reise ging weiter nach Hanau. Dort wartete er einen Monat bis er schließlich einen Transfer-Brief bekam, der ihn Hochheim am Main zuwies.

Nun ist er hier im Camp zusammen mit zwei Männern in seinem Alter in einem Zimmer untergebracht. Sie haben jeder ein Bett und teilen sich ein paar kleine Schrankelemente in denen sie ihre Kleidung und ihr Geschirr unterbringen können, dass sie von Hochheimern gespendet bekommen haben.

Abdalahad erzählt, dass jetzt alles viel ruhiger um ihn herum ist als noch vor und während seiner Flucht. Er sieht nicht glücklich aus, senkt immer wieder seinen Blick. Abdalahad sagt uns leise, dass er sehr erschöpft ist. Er fühlt sich ausgelaugt und hat Konzentrationsprobleme. Dem Deutschunterricht kann er nicht folgen, obwohl er sagt, dass er sogar die Schönschrift gelernt hätte. Dass er die lateinischen Buchstaben beherrsche, müsse ihm doch eigentlich helfen Deutsch zu lernen. Er wirkt verzweifelt. Abdalahad sagt, dass er es noch nicht geschafft hat mit Deutschen Freundschaften zu knüpfen, was er doch so gerne wollte. Auch unter den anderen Flüchtlingen hat er kaum Kontakte geknüpft. Lediglich mit seinen Mitbewohnern tauscht er sich aus. Er denkt oft an seine Familie und Freunde. Abdalahad sagt, dass er nicht weiß, was er machen soll. Es läge nur an ihm, dass er sich nicht öffnen kann. Sein größter Wunsch war es doch, hier Schmuck für andere zu machen. Er will gar kein Geld dafür. Er sieht die Goldschmiedekunst als seine Berufung und fühlt sich nun wertlos ohne richtige Aufgaben. Dass er dafür Deutsch lernen muss, ist ihm klar. Dass er das zurzeit nicht schafft, macht ihn unglücklich. Er sieht keine Möglichkeit aus diesem Kreislauf heraus zu kommen. „Hauptsache du wirst glücklich“, hatte seine Mutter ihm vor seiner Flucht nach Deutschland gesagt. „Du bist ein junger Mensch und solltest dich nicht verstecken müssen.“ Und nun sitzt er hier und kommt nicht voran. Die Frage, woran das wohl liegt, stellt er sich hunderte Male am Tag. Abdalahad wirkt sehr sensibel, wie man das manchmal von Künstlern kennt.

Hinter ihm steht eine kleine silberfarbene Trommel, Tombak genannt. Abdalahad erzählt, dass er manchmal darauf spielt, damit seine Depression verschwindet und die Musik ihn dann ein wenig glücklicher macht. In der persischen Volksmusik und in der klassischen persischen Musik im Iran ist die Tombak einer der häufigsten gespielten Perkussionsinstrumente.

Im Camp gibt es kein Internet für Flüchtlinge. Dadurch ist der Kontakt zu seiner Familie sehr eingeschränkt. Er hofft, dass es ihnen gut geht und wünscht sich, dass er endlich genug Energie bekommt sein Leben in die Hand zu nehmen und seine Familie stolz auf ihn zu machen.

Tags: Flüchtling

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