Manal, 34 Jahre aus Syrien

Manal flüchtete mit drei von ihren insgesamt vier Kindern im Juli 2016 in Richtung Deutschland. Da die Grenzen vieler Staaten inzwischen geschlossen und Zäune errichten worden sind, ist der Weg nach Deutschland extrem gefährlich geworden. Viele Menschen sterben unterwegs.

Manals Ehemann arbeitete als Bauer in Syrien. Sie selbst arbeitete als Privatlehrerin. Zusammen haben sie zwei Söhne und zwei Töchter. Manal war bis zur neunten Klasse selber in der Schule und unterrichtete dann später ihre Kinder zu Hause. Wie man unterrichtet, brachte sie sich selber bei und bewies dabei besonders großes Geschick. Viele Kinder konnten in ihrer Stadt nicht zur Schule gehen. Da die Bewohner über die gute Lehrtätigkeit von Manal erfahren hatten, wurde sie von weiteren Eltern als Privatlehrerin engagiert.

Aufgrund des Krieges verlor ihr Mann seine Arbeit. Er kümmerte sich deshalb um die Kinder. Die Zeiten in Syrien sind sehr hart gewesen. Die Lebensmittelpreise sind stark gestiegen, der Krieg hat viel zerstört und es ist keine Besserung in Sicht. Manal hatte erfahren, dass Deutschland sie und ihre Familie aufnehmen könnte. Dort gäbe es Jobs und für die Kinder eine schulische Ausbildung.

Leider hatte die Familie nicht genug Geld um die Schlepper für die Flucht der gesamten Familie zu bezahlen. So entschieden sich die Eltern die ältere Tochter beim Vater zu lassen. Dieser hatte zudem eine Verletzung am Bein. Er hätte nicht stundenlang laufen können.

In ihrer Freizeit nähte Manal gerne Kleidung. Sie kann gut mit einer Nähmaschine umgehen. So nähte sie in ihre und  die Kleidung der Kinder geheime Taschen ein, worin sie Geld für die Flucht versteckte. Das funktionierte sehr gut, erzählt sie.

Schließlich reisten Manal und ihre 14-jährige Tochter Katrin sowie ihre 13 und 8 Jahre alten Söhne los. Die anderen sollten später nachkommen.

Am 13. Mai 2016 erreichte die kleine kurdische Familie die Türkei. Von Istanbul aus liefen sie dann in einer Gruppe aus 38 Erwachsenen und Kindern durch Wälder in Richtung Deutschland. Vier Tage lang bewegten sie sich nachts. Tagsüber mussten sie zusammen sitzend warten bis die Dämmerung am Abend wieder eintrat. Tagsüber sei es zu gefährlich,  wurde ihnen gesagt. Bei Nacht mit den Kindern durch die Wälder zu laufen machte Manal Angst. Man konnte seine eigene Hand vor Augen nicht sehen, erzählt sie. Zum Essen gab es ein paar Datteln und Wasser. Unterwegs wollte ein Mann Manals Mobiltelefon stehlen. Sie stritt sich mit ihm. Das Telefon war die einzige Verbindungsmöglichkeit zu ihrer Familie in Syrien. Sie bekam nach einigem hin und her ihr Telefon zurück und war sehr erleichtert.

In Bulgarien fuhr die Gruppe dann mit einem kleinen Bus bis zur Stadt Sofia. Dort stiegen sie in einen weiteren Schlepperbus um. Noch bevor alle Personen eingestiegen waren, fuhr der Bus einfach los. Manals Kinder wollten gerade einsteigen. Eine Person auf der Straße verfolgte das Ereignis und sprang vor den Bus. Dieser hielt dann an, so dass die Kinder noch schnell einsteigen konnten. Da der Bus allerdings überfüllt war, nahmen die Insassen ihre Arme nach oben und hielten die Kinder über sich.

Der Bus fuhr über eine Schnellstraße und durch einen Wald. Plötzlich wurden sie von einem Auto verfolgt. Das Auto schaffte es, sie zum Stoppen zu bringen. Es war die bulgarische Mafia auf der Suche nach „Organspendern“. Sie öffneten das Fahrzeug und versuchten Manals Kinder aus dem Bus zu ziehen. Doch ein paar Personen im Bus zogen sie schnell wieder hinein, sodass dieser ganz schnell weiterfahren konnte.

Nach einer Weile wurden sie von der bulgarischen Polizei gesehen und verfolgt. Das Mafiaauto verschwand.

Der Busfahrer raste sehr schnell, rutschte in einer Kurve von der Straße ab und blieb mit dem kleinen Bus an einem Baum hängen. Während die Insassen aus dem Bus stiegen, versuchte der Fahrer zu flüchten, wurde aber von der Polizei gefasst.

Alle zusammen wurden sie in ein bulgarisches Gefängnis gebracht. Dort erzählten ihnen andere Flüchtlinge, dass die bulgarische Organ-Mafia schon viele Menschen gefangen hätte, die dort auf der Reise waren. Sie verkaufen die Organe in Europa. Von mehr als 25 Personen wussten sie, die kürzlich entführt worden waren.

Die Flüchtlinge mussten 12 Tage im Gefängnis verharren. Die Zeit war für Manal und ihre Kinder sehr hart. Es gab morgens und abends ein kleines Brötchen und etwas Suppe, die schrecklich schmeckte. Danach wurden sie in ein bulgarisches Flüchtlings-Camp gebracht. Ein Schlepper im Camp lud 40 Personen einschließlich Manal und ihre Kinder in einen LKW. Im Innenraum des LKW- Anhängers saßen alle dicht aneinander auf dem Boden. Die Beine an den Körper gezogen in völliger Dunkelheit. Etwas Luft kam in den Hänger. Fünf Stunden lang fuhren sie so nach Serbien. Dort angekommen wurden die Menschen in zwei kleine Busse aufgeteilt.

Nach weiteren fünf Stunden stiegen sie in einen weiteren LKW um. Dann hielt der LKW an einem Morgen in Serbien an. Der LKW-Fahrer öffnete den Hänger und schrie alle Flüchtlinge an. Sie stiegen aus und sollten ihm Geld geben. Er bedrohte Manal, ihre Familie und die anderen Flüchtlinge so sehr, dass ihnen nichts anderes übrig blieb, als ihm Geld zu geben, obwohl im Vorfeld dieser grauenvolle Reise schon bezahlt worden war. Der Fahrer nahm das Geld und fuhr davon. So blieben die Menschen geschockt und erschöpft von der Reise zunächst einen Tag an dem einsamen Ort. Dann liefen sie weiter.

Manal und ihre Kinder fanden ein Taxi, dass sie in die Nähe der ungarischen Grenze brachte. Der Fahrer wollte nicht unmittelbar direkt dorthin fahren. So mussten sie die letzten drei Stunden durch den Regen laufen. Dort angekommen, trafen sie wieder viele andere Flüchtlinge. Die ungarische Polizei hatte einen Zaun errichtet, wodurch sie nicht weiterreisen konnten. Jemand versuchte den Zaun durchzuschneiden, aber das funktionierte nicht. Die Polizei überwachte die Zaungrenze. Sie befanden sich an einem Wald und es begann dunkel zu werden. Zudem wollte der Regen einfach nicht aufhören. Ihre Kleidung war durchnässt, sie waren hungrig und die Kinder erschöpft.

Manal und ca. 40 weitere Personen entschlossen sich, im Wald einen Unterschlupf zu suchen. Sie liefen im Dauerregen los. Es wurde immer dunkler und kälter. Gegen 24 Uhr fanden sie ein altes, verlassenes, heruntergekommenes Haus.

Die Flüchtlinge gingen hinein. Es hatte zumindest ein Dach. Da aber fast alles feucht war, überlegten sie, womit sie Feuer machen könnten. Überraschenderweise hatte Manal eine Slipeinlage bei sich. Die zündete sie mit einem Feuerzeug an und machte ein kleines Feuer mit Papier und Holz, das sie im Haus fanden. So konnten sich die 40 hungrigen Personen zumindest ein bisschen aufwärmen.

Am Folgetag liefen sie drei-vier Stunden weiter entlang der Grenze durch den Wald. Leider wurden sie von der serbischen Polizei gefasst und in Toiletten eingesperrt, ohne zu wissen, wann sie wieder hinaus durften. Nach 24 Stunden ließ man sie schließlich gehen und brachte sie in ein Camp. Dort blieb Manal mit ihren Kindern in einer schäbigen, schmutzigen  Unterkunft für zwei Tage. Sie lernte fünf Personen kennen und entschloss sich mit ihren Kindern und ihnen gemeinsam mit einem Schleppertaxi über Österreich nach Deutschland zu fahren.

Nachdem sie einige Zeit gefahren waren, hielt der Taxifahrer an und verkündete, dass sie nun in Deutschland seien. Ein Junge im Auto hatte allerdings ein kleines GPS - Gerät dabei und wusste, dass sie noch in Österreich sind. Der Fahrer lies die Flüchtlinge im Regen aussteigen und fuhr wieder davon. So standen sie an der verlassenen Straße im Dauerregen. Es war mittlerweile zwei Uhr nachts und die kleine Gruppe war orientierungslos. Sie liefen die Straße entlang, weiter und weiter. Irgendwann begegneten sie einer Frau und fragten sie auf Englisch, wie man nach Deutschland käme. Die Frau zeigte ihnen die Richtung und versprach, dass sie nach ca. 15 Minuten die deutsche Grenze hinter einer Brücke erreichen würden. So lief die kleine Gruppe weiter.

Manal und ihre Kinder waren sehr erschöpft. In den Morgenstunden erreichten sie eine kleine Ortschaft. Manals Tochter Katrin sah an einem Haus eine Deutschlandflagge. Sie wusste, dass man Deutsche  Fußballfans daran erkennen würde. Katrin mag gerne Fußball und die deutsche Nationalmannschaft ebenso. Sie befanden sich in Bayern. Sie liefen einige Zeit weiter und wurden dann von der Polizei am 17.06.2016 in ein Camp gebracht, wo man sich um sie kümmerte. Sie wollten aber nicht dort bleiben und so stiegen Manal und ihre Kinder in einen Zug und fuhren nach Kronberg. Dort trafen sie sich mit Manals Schwester, die bereits aus Syrien geflüchtet war und dort wohnte.

Zehn Tage konnte sich die Familie dort ausruhen und sich von den Strapazen ein wenig erholen. Dann gingen sie zur Registrierung nach Gießen. Das Prozedere war dort nicht ganz einfach, da sie keine Pässe bei sich hatten. Schlepper hatten ihnen abgeraten diese bei sich zu führen. Manal und ihre Kinder wurden der Stadt Hochheim zugewiesen, wo man sie hinbrachte.

Hier gefällt es ihr in der Unterkunft sehr gut. Sie hat viele freundliche Menschen kennengelernt und ihre Kinder haben schnell neue Freunde gefunden. Manal hat sich für ihre Kinder eingesetzt, damit diese möglichst schnell in die Schule kommen. Es ist ihr sehr wichtig, dass sie schnell Deutsch lernen. Sie und die Kinder fühlen sich hier sicher und sind erleichtert, nicht mehr weiterreisen zu müssen.

Auf die Frage hin, ob sie als alleinreisende Frau mit Kindern keine Angst vor den männlichen Flüchtlingen hatte, verneinte sie. Manal erzählte, dass die Männer immer sehr freundlich zu ihr und den Kindern gewesen seien. Nur die Schlepper seien sehr gefährlich, weshalb sie auf der Reise oft kaum schlafen konnte.

Tags: Flüchtling

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