Amal, 38 Jahre aus dem Irak

Amal wuchs in Kurdistan auf. Ihr Vater war Soldat und ist im Kampf gestorben, als sie zwei Jahre alt war. Ihre Mutter erkrankte kurz darauf am Herz. Da ihre Familie die die ärztliche Behandlung nicht bezahlen konnte, verstarb auch sie. Mit 14 Jahren heiratete Amal und brachte vier Töchter und einen Sohn zur Welt. Sie kümmerte sich um ihre Kinder und arbeitete sehr viel. Später trennten sich ihr Mann und sie. Nach einiger Zeit lernte sie aber einen neuen Mann kennen und lieben. Mit ihm ist sie bis heute verheiratet.

In Kurdistan besaß Amal einen Friseurladen. Eine ihrer Töchter unterstützte sie dort. Dann kam der Krieg immer näher. Amal absolvierte eine sechsmonatige Ausbildung als Soldatin gegen den Islamischen Staat. Sie hatte große Angst um ihre Familie. Der Islamische Staat rückte immer näher, viele Menschen starben, weil sie sich diesem nicht anschließen wollten.

In ihrer Verzweiflung startete sie mit ihrem Mann und ihren fünf Kindern im Oktober 2015 ihre Flucht nach Deutschland. Sie hatten gehört, dass man sie dort aufnehmen könnte. In ihrem Heimatland Irak konnten sie nicht mehr bleiben. Zu groß waren die Gefahr und die Angst um ihre Kinder.

Anfang Oktober 2015 erreichten sie die Türkei. Dort traf Amal ihren Onkel. Sie, ihr Mann und eine ihrer Töchter besaßen keinen Pass. Deshalb blieb ihnen nichts anderes übrig, als den Onkel mit einer der Töchter und dem Sohn nach Deutschland weiterreisen zu lassen.

Amal war verzweifelt. Zusammen mit ihrem Mann und ihrer Tochter Miriam mussten sie weiter über Schlepper flüchten. Mit einem kleinen geschlossenen Lieferwagen und rund 30 Personen fuhren sie zunächst über die Autobahn und dann bei Nacht viele Stunden über holprige Pfade in Richtung Meer. Immer wieder stießen sich die Kinder die Köpfe an der Decke an. Der Wagen fuhr sehr schnell. Die Fenster waren geschlossen und keiner wusste, wo sie genau waren. Amal saß vorne. Der Schlepper am Lenkrad sprach kein Wort zur ihr. Sie hatte große Angst.

Nach sieben Stunden erreichten sie die Küste. Für die Überfahrt nach Griechenland waren 20 Personen angekündigt. Vor Ort, in der Morgendämmerung, waren es dann aber rund 50 Personen. Die Flüchtlinge pusteten gemeinsam das große Schlauchboot auf. Mittlerweile stieg die Zahl auf 60 Personen an. Wer nicht kam, war der Bootsführer. Der Schlepper, der sie ans Meer gefahren hatte, fing an, sie alle zu bedrohen und ihnen Geld abzunehmen. Er zeigte ihnen auf dem Meer die Richtung und sagte, dass sie nach 40 Minuten Land erreichen würden. Danach fuhr er davon. Einer der Flüchtlinge kam aus dem Iran und wusste, wie man das Boot steuert. Aus Verzweiflung stiegen alle in das überfüllte Boot. Es war sehr eng, aber keiner wollte zurückbleiben. So fuhren sie gemeinsam in die angewiesene Richtung.

Amal zeigte uns ein Video, dass sie am Anfang auf dem überfüllten Schlauchboot mit dem Smartphone aufnahm. Obwohl die Gefahr groß war, da sie nicht wussten, ob sie die Küste jemals erreichen würden, waren alle optimistisch. So viel hatten diese Menschen schon auf sich genommen. Wie zuversichtlich sie doch waren.

Während der Fahrt lief immer mehr Wasser in das Boot. Die Passanten schöpften es mit den Händen heraus und warfen das wenige Hab und Gut, das sie bei sich hatten, über Bord. Bis auf einen Mann und seine Tochter konnte keiner der 60 Personen schwimmen. Amals Tochter Miriam wurde zudem seekrank und war sehr erschöpft.

Nach genau 48 Minuten erreichten sie die Küste von Griechenland. Bis dahin stand das Wasser schon knietief im Boot. Erleichtert stieg die Gruppe aus und wanderte gemeinsam über eine Schlucht. Viele von ihnen waren durstig, hungrig und einige krank geworden auf ihrer Flucht. Hinter der Schlucht wurden sie von Helfern empfangen. Die freundlichen Griechen versorgten alle im Camp. Von dort aus fuhr Amal mit ihrem Mann und ihrer Tochter weiter mit einem großen Boot nach Athen. Die kleine Familie vertraute sich einem Mann, den sie während der gefährlichen Überfahrt zuvor kennengelernt hatten, an. Zusammen reisten sie mit dem Bus oder zu Fuß über Mazedonien, Serbien, Österreich… so genau wussten sie es oft gar nicht, wo sie eigentlich waren, in Richtung Deutschland. Auf dem Weg trafen sie immer wieder Fremde, die sie mit Essen, Trinken und frischer Kleidung versorgten. Sie selber hatten ja das wenige, was sie mit auf die Flucht nahmen, unterwegs verloren. Manchmal, bei den Fußmärschen waren sie rund 1000 Personen, die gemeinsam reisten. In Österreich angekommen, konnten sie das erste Mal seit Griechenland wieder duschen. Wie erleichtert sie waren.

Unterwegs telefonierte Amal immer wieder mit ihrem Onkel und ihren zwei Kindern. Sie war erleichtert, dass es ihnen ebenfalls gut ging.

Von Österreich aus fuhren sie dann mit dem Zug an die deutsche Grenze. Dort angekommen, war es bitterkalt. Amal und ihre Familie wurden von Helfern empfangen, die ihnen Suppe gaben und warme Kleidung. Endlich konnten sie sich ein wenig entspannen. Sie fühlten sich sicher. Man brachte sie nach Gießen, wo sie ihre anderen Kinder und den Onkel trafen. Dort lebten sie mit rund 300 Personen in einer Basketballhalle. Es gab keine Privatsphäre. Es war niemals richtig ruhig - aber sicher - und das war das Wichtigste für sie.

Am 11.01.2016 wurden Amal und ihre Familie nach Hochheim in die Sporthalle verlegt. Dort gefiel es ihnen besser. Die Halle war mit Hilfe von Bauzäunen und weißen Planen in kleine Einheiten unterteilt. Die Familie bekam ein Abteil mit Betten. Dadurch hatten sie zumindest ein bisschen Privatsphäre. Amals Kinder konnten wenige Monate später in die Schule gehen. Dort wurde für die Flüchtlingskinder eine Deutsch-Intensivklasse gegründet. Amal und ihr Mann besuchten den ehrenamtlichen Deutschunterricht und bekommen nun seit einiger Zeit Deutschunterricht über die VHS. Seit dem Ende Mai 2016 wohnen sie im ehemaligen Tetra-Pak-Gebäude. Hier besitzt die fünfköpfige Familie zwei Zimmer, die durch eine Tür miteinander verbunden sind.

Der Asylantrag der Familie wurde bis heute (September 2016) immer noch nicht bewilligt, was für sie bedeutet, dass Amal und ihr Mann nicht arbeiten dürfen. Sie nutzten die Zeit, um Deutsch zu lernen und Deutschland kennenzulernen.

Wenn man Amal kennenlernt, bemerkt man schnell ihr positives Gemüt, ihre Fröhlichkeit und ihren Optimismus. Sie ist sehr herzlich, gastfreundlich und eine wunderbare Mutter. Amal und ihre Familie sind glücklich, ein neues zu Hause gefunden zu haben.

"Wir möchten jetzt das Leben genießen. Man hat nur dieses eine Leben."

- Amal -

Die Familie macht kleine Ausflüge in die Umgebung. Ihre Deutschgrundkenntnisse reichen aus um sich ein wenig ohne Dolmetscher zu verständigen und zurechtzufinden. Die Kinder helfen immer wieder gerne beim Übersetzen, da sie in der Schule sehr schnell Deutsch gelernt haben.

Zwei ihrer Töchter haben in den Sommerferien ein mehrwöchiges Praktikum in einem Kindergarten gemacht. Einer Tochter hat es dort sehr gut gefallen. Sie möchte nach der Schule auch gerne beruflich etwas mit Kindern machen. Die andere Tochter möchte gerne Ärztin werden oder in einer Apotheke arbeiten. Genau wie ihr Bruder können sich beide aber auch vorstellen, Polizist/innen zu werden, allerdings im Büro - nicht auf der Straße. Amal und ihr Mann würden jede Art von Arbeit annehmen. Die Hauptsache ist, dass sie ihre Familie ernähren können. Zurzeit helfen sie wo sie können, wie etwa beim Anlegen der Hochbeete, damit in ihrer Gemeinschaft ein bisschen Obst und Gemüse angebaut werden kann und sie nicht immer auf Spenden angewiesen sind.

 

 

 

Tags: Flüchtling

Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden.